BAYREUTH. Feiern sind seine Sache nicht. Und deshalb tut Wolfgang Wagner, was Feiermuffel gerne tun, er drückt sich vor aufwendigen Geburtstagsorgien.
„Nicht im Erreichten liegt das in die Zukunft Weisende dessen, was Bayreuth ist, sondern, nach Richard Wagner, im Ringen um das Unmögliche.“ Und doch: Erst Wolfgang Wagner, der diesen Satz im letzten Kapitel seiner „Lebens-Akte“ formulierte und am Sonntag seinen 90. Geburtstag feiert, hat die Bayreuther Festspiele wirklich zukunftsfähig gemacht. Foto: Lammel
Wolfgang Wagner sucht statt großer Öffentlichkeit die Familiennähe. Und genießt den Tag in aller Stille. Die letzten 14 Jahre ging das gut. Davor musste er feiern. An seinem
75.Geburtstag wurde für den Enkel Richard Wagners letztmalig eine pompöse Party gegeben. Mit Musik und vielen Reden, Gästen, die man gerne sieht, und solchen, die man an einem
solchen Tag eben einladen muss. Sei’s drum: Der Tag ging vorbei, irgendwie – und Wolfgang Wagner rasch wieder über zur Tagesordnung. Macher brauchen keine ultimativen Lobhudeleien,
sondern beziehen Adrenalinschübe aus den eigenen Taten. Kinder, schafft Neues!
Am Sonntag nun ist wieder ein solcher Tag. Wolfgang Wagner nämlich wird 90 Jahre alt. Seit ziemlich genau einem Jahr ist der Bayreuther Ehrenbürger nun schon im Ruhestand. Lebt
zurückgezogen in seinem Haus am Grünen Hügel, das nur einen Katzensprung von jenem Theater entfernt liegt, das sein Großvater bauen ließ und sein – Wolfgangs –
Leben mehr als alles andere bestimmen und verändern sollte. Es geht ihm, seinem Alter entsprechend, gut. Sagt Peter Emmerich, der Pressesprecher des Festspielhauses, etwas nebulös.
Seit einem Jahr nicht mehr gesehen
Fakt ist: Wolfgang Wagner wurde – den Besuch einer „Meistersinger“-Probe einmal ausgenommen – seit einem Jahr nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen. Er wird rund um
die Uhr betreut, hat dem Vernehmen nach große Freude an Sam und Molli, Helga, Luise und Emma – den fünf Hunden von Wolfgang und Katharina Wagner. Sitzt gerne im Garten, liest, wie
es heißt, auch noch seine Zeitung. Und verfolgt über den eigens für ihn installierten Bildschirm noch immer das Geschehen am Grünen Hügel, das ihm, obwohl so nah,
inzwischen so fern ist. An eine Reise mit seinen beiden Töchtern Eva und Katharina aber, die er sich vor geraumer Zeit noch gewünscht hatte, ist aufgrund seines Gesundheitszustandes wohl
nicht mehr zu denken. Das Alter fordert seinen Tribut – selbst bei einer außergewöhnlichen Persönlichkeit wie Wolfgang Wagner.
Außergewöhnlich war dieses Leben in der Tat. Kein anderer hat jemals länger ein Theater geleitet wie der „Herr Wolfgang“, wie ihn ältere Bayreuther noch immer
nennen. 57 Jahre lang prägte er das Geschehen in der „Scheune am Hügel“ – zunächst gemeinsam mit seinem Bruder Wieland, nach dessen frühem Tod dann, ab 1966,
alleine. Doch die Verdienste der beiden ungleichen Brüder begannen nicht erst in ihrer Zeit als Festspielleiter, sondern lange zuvor. Sie nämlich waren es, die Neu-Bayreuth erst
möglich machten, indem sie auf einen radikalen Neuanfang drängten. Nach der unglückseligen Verquickung von Wagners Kunst mit Nazi-Gunst, für die vor allem der Name Winifred
Wagner steht, nach einer Phase, in der der Grüne Hügel braun und zum Stützpfeiler Hitlerscher Propaganda wurde, zwangen die beiden jungen Wagner-Wilden die eigene Mutter zum
Verzicht. Nur ohne Winifred, das wussten Wieland und Wolfgang, das wusste die damalige Politik und das wussten die potenziellen Geldgeber, würde das Bayreuther Wagner-Theater wieder zu
Weltgeltung finden.
Die ungleichen Brüder
Ohne zu murren übernahm Wolfgang dabei den zunächst undankbareren Part. Während Wieland sich der hohen Kunst zuwandte, kümmerte sich Wolfgang nach 1951 um den Bau und das
Programm, die Finanzen und die Organisation. Wieland galt denn auch früh als der große Künstler, Wolfgang als der Handwerker und Macher. Ganz freilich wollte auch Wolfgang die Kunst
auf der Bühne nicht seinem Bruder überlassen. Und so machte er sich im Laufe der Jahrzehnte auch als Regisseur einen Namen. Keiner hat den „Ring“ öfter inszeniert als er,
niemand außer ihm hat sämtliche Werke, bisweilen sogar mehrfach, auf die Festspielbühne gebracht. 1268 Aufführungen hat Wagner alleine, 439 weitere gemeinsam mit Wieland
verantwortet. Und auch das eine bemerkenswerte Zahl: Von 1876 bis Ende 2008 gab es 2425 Wagner-Aufführungen in Bayreuth. An 1707 war, seit 1951, Wolfgang Wagner maßgeblich
beteiligt.
Mag auch seine Handschrift als Regisseur durchaus konservative Züge gehabt haben – zur wahren Größe Wolfgang Wagners gehörte es, dass er andere, die die Dinge ganz anders
sahen als er, nicht nur einlud, sondern notfalls auch gegen allzu heftige Kritik verteidigte. Nicht jeder Theaterleiter hätte sich 1972 getraut, in Bayreuth Götz Friedrichs kühnen
„Tannhäuser“ zuzulassen. Und auch 1976 zeigte Wagner Courage, indem er den bis dahin weitgehend unbekannten Regisseur Patrice Chéreau und den Musik-Revoluzzer Pierre Boulez
zum „Jahrhundert-Ring“ nach Bayreuth lud – ein Experiment mit bekanntem Ausgang.
Meilensteine der Besetzungspolitik
Zu den Meilensteinen seiner Besetzungspolitik gehören zudem Namen wie Heiner Müller („Tristan“), Werner Herzog („Lohengrin“) oder auch Christoph Schlingensief
(„Parsifal“), mit dem sich Wagner zwar fortwährend anlegte, den er am Ende aber machen und gewähren ließ. Das letzte Ausrufezeichen dieses außergewöhnlichen
Intendanten wird man aber erst im kommenden Jahr erleben. Denn nicht Katharina, sondern Wolfgang Wagner verpflichtete Hans Neuenfels, 2010 den „Lohengrin“ in Szene zu setzen. Katharina
Wagner, die Neuenfels verehrt wie ein Altwagnerianer den „Meister“ selbst, kündigte denn auch dieser Tage eine Inszenierung an, die für viel Aufsehen und kontroverse
Diskussionen sorgen werde. Sollte es denn einen Theaterskandal geben – es war Wolfgangs Wagners letzte Großtat.
Wagners Persönlichkeit beinhaltet zumindest drei Aspekte. Am wenigsten erfuhr und erfährt man über die Privatperson WW. Gut, er ging früher gerne selbst einkaufen, man sah ihn
hie und da in einer Gastwirtschaft oder am Steuer seines Wagens. Bei wichtigen offiziellen Anlässen war er zugegen – zumal nach seiner Ernennung zum Ehrenbürger. Ansonsten aber
ließ er Einblicke in sein Privatleben kaum zu. Eine Homestory bei den Wagners? Undenkbar! Allerdings wird es den Mann mit dem schneeweißen Haar immer gegrämt haben, dass er eines
nicht hat verhindern können: den permanenten Clinch in der Familie, der sich in schöner Regelmäßigkeit vor bald jeder Festspielzeit Bahn brach. Da wurde bisweilen mächtig
geklotzt und nicht gekleckert. Mal waren’s die Wieland-Nachfahren gegen den Wolfgang-Clan, mal holzte Wolfgang gegen den eigenen Sohn. Oder umgekehrt.
Als Intendant war Wagner hoch geschätzt. Selbst große Sänger und Dirigenten sahen in ihm eine Vaterfigur, einen Freund und fairen Partner. Überhaupt war ihm Gerechtigkeit nicht
lästige Pflicht, sondern oberstes Gebot. Weshalb er auch nicht müde wurde zu betonen, dass ihm die Klofrau genauso wichtig sei wie der Herr Kammersänger. Und selbst als ein Placido
Domingo auf dem Höhepunkt seiner Karriere den Weg nach Bayreuth fand, lehnte Wagner Sonderbehandlungen jedweder Art strikt ab.
Knallharter Geschäftsmann
Und dann war da noch der „Politiker“ und Geschäftsmann Wolfgang Wagner. Der über Jahre und Jahrzehnte als Alleingesellschafter am Grünen Hügel agierte und als
knallharter Verhandlungspartner bekannt und gefürchtet war. Wenn es um Geld für sein Theater, die Unabhängigkeit der Kunst und die Meinungsfreiheit seiner Hauptakteure ging, kannte
Wagner kein Pardon. Zumal er auch die Fakten stets auf seiner Seite hatte: In keinem Haus wurde sparsamer gewirtschaftet als in Bayreuth. Kein anderes Unternehmen konnte von sich behaupten, seine
Vorstellungen sechs-, sieben- oder gar zehnfach zu verkaufen. Und nirgends sonst nahmen und nehmen glühende Verehrer Wartezeiten von bis zu zehn Jahren in Kauf, um hier, in Bayreuth, Wagner
erleben zu dürfen.
Wolfgang Wagner war der Garant für diese einzigartige Erfolgsgeschichte. Er arbeitete hart, setzte statt auf Schischi- und Bussifaktor auf seinen, den Bayreuther Weg. Zahlte schlechtere Gagen
und bot dafür das Bayreuther Wir-Gefühl. Spielte nur, was der Kanon vorsah, und lehnte jedes Drumherum ab, leistete sich lieber aber den langsamen, konsequenten Aufbau junger Sänger.
Wehrte sich etwa gegen den Einbau einer Klimaanlage und/oder bequemeren Gestühls im Festspielhaus, weil das die Akustik gefährdet hätte.
Mag Salzburg schicker und hipper gewesen sein: Bayreuth war immer ehrlicher, authentischer. Und lange Jahre erfolgreicher. Obwohl in Bayreuth – marketingtechnisch – eigentlich nichts
und deshalb fast alles richtig gemacht wurde. Wolfgang Wagner selbst war, gemeinsam mit dem Werk seines Großvaters, den er nun schon um mehr als 20 Jahre überlebt hat, die Marke. Ehrlich,
kantig, unverwechselbar.
Nachfolge in seinem Sinn geregelt
Wagner war entschlossen, alles zu tun, um diese einzigartige Erfolgsgeschichte Bayreuther Festspiele so lange in Händen zu halten, bis er persönlich die Zukunft als gesichert ansah.
Deshalb auch tat er, dem es laut Vertrag erlaubt gewesen wäre, die Festspiele bis zu seinem Tod zu leiten, alles, um die Nachfolge in seinem Sinne zu regeln. Das erste Verfahren, dem er
anfänglich zugestimmt hatte, saß er einfach aus. Weil das damalige Votum des Stiftungsrats, der Eva Wagner-Pasquier zur geeigneten Nachfolgerin ernannt hatte, ihm und vor allem seiner im
November 2008 verstorbenen Ehefrau Gudrun Wagner nicht gepasst hatte.
Und als dann ein zweites Verfahren eingeleitet werden sollte, ging dies nicht ohne seine Spielregeln. Er wollte Katharina Wagner auf dem Thron sehen, stimmte letztlich aber, nach der befreienden
Annäherung der beiden Halbschwestern Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner einerseits und der Versöhnung zwischen Vater und Tochter aus erster Ehe andererseits, einer Doppelspitze zu.
Und die wurde im Herbst vergangenen Jahres installiert. Zu seinem offiziellen Rücktritt organisierten die beiden Töchter das, was ihr Vater – eigentlich – am wenigsten mag:
eine richtig große Feier. Die Überraschung damals: Wolfgang genoss das Fest und seinen Festtag in vollen Zügen. Er zeigte sich, ein letztes Mal, vor dem Vorhang. Das Publikum
spendete ihm auf seiner Bühne minutenlang Beifall. Dann wurde, kaum war das Festspielhaus leer, auf der Bühne gefeiert. Beckstein redete, der Chor sang. Schließlich gab es noch Speis
und Trank und viele Gespräche. Wolfgang Wagner blieb bis weit nach Mitternacht. Lachte, feierte, parlierte. Ein großartiger Abgang.
Am Sonntag feiert WW in kleinstem Kreis. Dann wird die Stadt ihren wohl bekanntesten Ehrenbürger schon mit einer plakativen Aktion überrascht haben. Es wird ein paar Botschaften der
besonderen Art geben, sicherlich auch eine prächtige Torte. Eva und Katharina Wagner werden da sein, wen sonst es aus der Familie an den Hügel zieht, ist ungewiss. Nur eines ist sicher:
es wird keine große Feier geben. Ganz in seinem Sinne.
Herzlichen Glückwunsch!
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