BAYREUTH. Im zweiten Aufzug purzeln die Schuhe. Es sind aber erst einmal die meiner reizenden Sitznachbarin im Festspielhaus, was ihr nachher übrigens ziemlich peinlich ist, weil sie ihren Vordermann bitten muss, sie für sie aufzuheben.
Kein Grund für ein schlechtes Gewissen, denke ich mir, denn dass Schuhe sich als „Metapher durch das ganze Stück“ ziehen, sagt schon „Meistersinger“-Regisseurin
Katharina Wagner in einem Interview im Programmheft. Da kann der Funke ja auch mal aufs Publikum überspringen. Vielleicht sollten wir den Schuhregen vor der Prügelfuge als
Mitmach-Einladung verstehen und unsere Metaphern, Pardon: Schuhe, einfach quer durch den Zuschauerraum werfen? Doch das Einzige, was das Publikum am Ende, und zwar ganz am Ende, der Bühne in
persona der Regisseurin und Festspielleiterin entgegenzuschleudern hat, sind wieder einmal Bravos und Buhs, Letztere nach unserem Empfinden deutlich lauter und in der Überzahl.
Schuhe ausziehen
Sorry, wenn das jetzt alles so ein bisschen durcheinander erzählt wirkt, aber da scheint noch der Eindruck des Abends nachzuwirken. Für alle die, die möglicherweise noch nicht in
Berührung gekommen sind mit Katharina Wagners „Meister- singer“-Inszenierung, müsste man jetzt eigentlich erst mal erklären, was auf sie zukommt. Deshalb an dieser Stelle
ein paar Tipps für die zukünftigen Besucher. Zunächst: Ziehen Sie Ihre Schuhe ruhig aus – die Akte sind lang genug, aber fangen Sie nicht mit dem Werfen an. Sie werden ja doch
die Einzigen sein, die das außerhalb der Bühne machen. Viel wichtiger aber: Studieren Sie genau das Textbuch. Denn erstens werden Sie seinen Inhalt genau kennen müssen, um die
verschiedenen Metaebenen der Interpretation nachvollziehen zu können; zweitens lässt leider auch die Textverständlichkeit bei einer ganzen Reihe von Sängern zu wünschen
übrig. Dann: Machen Sie sich Ihr eigenes Bild von den Figurenkonstellationen und verlassen Sie sich nicht auf die Erläuterungen des Regieteams oder gar der Kritiker. Dieser Ratschlag ist
im Programmheft übrigens auch Katharina Wagner zugeschrieben, und er ist gar nicht so verkehrt. Wenn ich mir überlege, dass ich noch mal all meine Interpretationen der Interpretation aus
den beiden Vorjahren wiederholen und modifizieren soll und zum Beispiel darüber zu räsonieren habe, ob die gegenläufige Entwicklung, die Beckmesser und Sachs respektive Stolzing
durchmachen, mit der musikalischen Aussage der „Meistersinger“ kongruent ist ... O je. Zerbrechen Sie sich mal lieber selbst Ihren Kopf! Schließlich, falls Sie
regelmäßiger Bayreuth-Besucher sind: Fangen Sie erst gar nicht an mit den alten Bayreuth-Fragestellungen à la „Hat sich im Sinne des Werkstattprinzips etwas
verändert?“. Hat sich bestimmt. Aber spätestens bei den nächsten Festspielen rätseln wir wieder und werden doch nicht richtig schlau. Denn – und das behaupte ich
jetzt einfach mal: Im Grundsatz ist diese Inszenierung auch in ihrem dritten Jahr die alte geblieben. Das ist schlecht bei den schlechten Sachen, zu denen noch immer eine bildlich-gedankliche
Überfrachtung gehört wie die Überstrapazierung des Topos Street-Art. Die vielen Schmierereien Stolzings und das kübelweise Verschütten von Farbe sind sicher nicht nur
Ausdruck einer Anarchie des Herrn Ritters ... Zu den guten Sachen, und da stelle ich mich vermutlich gegen manche Buhrufer, gehört Katharina Wagners Sicht auf die Festwiese – oder besser
gesagt, ihre Rezeptionsgeschichte. Manches ist einfach schlichtweg überkarikiert. Aber was mit dem „Wach-auf!“-Chor passiert, bei dem eine Flamme an die Bücherverbrennung und
andere NS-Kulturschändungen gemahnt, wohlgemerkt unter Missbrauch von Wagners Œuvre, das macht so manche Maßlosigkeit dieser Inszenierung vergessen. Erinnert sei hier
ausdrücklich noch mal an den großen jüdischen Philosophen Ernst Bloch, wenn dieser schreibt: „Die Musik der Nazis ist nicht das Vorspiel zu den Meistersingern, sondern das
Horst-Wessel-Lied; andere Ehre haben sie nicht ...“
Schönheit im Detail
Deshalb wirkt Sebastian Weigles Dirigat auch in diesem Jahr seltsam ambivalent. Also ob ihn schon beim Vorspiel die Sorge plagte, einen zu affirmativen Wagner zu pflegen. Die Konsequenz ist
manchmal fehlende Organik oder eine teilweise Negation von Steigerungsprinzipien. Musikalische Schönheiten liegen oft im Detail, nicht zuletzt dank eines klanglich wunderbar proportionierten
Festspielorchesters. Trotzdem wünschte man sich ein intensiveres Auskosten von Wagners Klangpoesie, zumal im zweiten Akt, der so weit weg ist von aller Festwiesenstimmung. Nicht beim Alten
geblieben ist übrigens ein Teil der „Meistersinger“- Besetzung. Hans Sachs heißt jetzt Alan Titus. Und der gestaltet die Partie gerade in den ersten beiden Akten subtil, um
lyrischen Erzählton bemüht. Bis zur Festwiese hin verliert sein durchaus geschmeidiger Bariton allerdings etwas an Fahrt – und Textverständlichkeit. Adrian Eröds
Bayreuth-Debüt bereitet Freude. Der junge Wiener Bariton macht aus dem Beckmesser eine hochsensible, tragische, fast schubertische Liedfigur, auch wenn ihm sein Vorgänger Michael Volle in
Sachen Deklamationskunst voraus ist. Stimmlich überstrahlt alle der Stolzing Klaus Florian Vogts: sein herrlich lyrischer, heller Ton wirkt in seinem dritten Bayreuth-Jahr so natürlich,
so selbstverständlich und in den Phrasierungen souverän, dass man gar nicht mehr über diesen unorthodoxen Stolzing-Klang nachdenkt. Michaela Kaune dagegen kann ihre Münchner,
Berliner und – Bayreuther Evchen-Erfahrung nicht so richtig gewinnbringend einsetzen: Am Premierenabend wirkt ihre Stimme überdreht dramatisch und im Piano merkwürdig leer. Carola
Gubers solide Magdalene, Norbert Ernsts erstklassig artikulierender, potenter David, Markus Eiches zuverlässiger Kothner und Artur Korns samtig-bassiger, aber stellenweise nicht ganz
intonationsreiner Pogner sorgen weitgehend für Festspielatmosphäre. Und natürlich Eberhard Friedrichs auf füllig-sensiblen Klang trainierter Festspielchor, der vergessen macht,
dass die Lehrbuben im ersten Akt kurzzeitig etwas aus dem musikalischen Tritt geraten.
Das letzte Wort zu diesen „Meistersingern“ indes sei Katharina Wagner gegönnt. „Regisseure inszenieren sich immer in einem gewissen Maße selbst“, darf ich sie aus
dem Programmheft zitieren. Über das Maß dürfen wir weiter nachdenken.
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