14.07.2009, 10:01 Uhr
Von Christian Martens
BAYREUTH. Ein Urteil fällt Professor Walter Schmidt nicht, obwohl er die Hintergründe kennt. Der Bayreuther Sportmediziner und Anti-Doping-Experte lässt im Fall der wegen Dopings gesperrten Eisschnellläuferin Claudia Pechstein die Fakten für sich sprechen und sagt: „Ihre Werte sind absolut unnormal.“ Mit einer neuen, in Bayreuth entwickelten Methode könnte Licht ins Dunkle gebracht werden.

Claudia Pechstein wehrt sich gegen die Dopingvorwürfe und beteuert ihre Unschuld. Obwohl kein direkter Beweis ihrer Schuld geführt werden konnte, hat der internationale
Eisschnelllaufverband ISU die deutsche Olympiasiegerin für zwei Jahre gesperrt. Der Grund: Bei Pechstein war Anfang des Monats eine erhöhte Zahl an jungen roten Blutkörperchen, den
sogenannten Retikulozyten, festgestellt worden. Eine solche Mehrbildung vergrößert den leistungsentscheidenden Sauerstoffgehalt im Blut eines Sportlers. Die einfache Rechnung mehr
Sauerstoff im Blut gleich mehr Energie geht auf, wie Professor Walter Schmidt dem KURIER sagte. Und die Leistungssteigerungen – und damit der Reiz zu dopen – seien enorm. Allerdings
ist die durch Training zu erreichende absolute Menge an roten Blutkörperchen begrenzt.
Extreme Schwankungen
„Rund ein Prozent der menschlichen Zellen bilden sich täglich neu“, erklärte der Bayreuther Sportmediziner. Der Normalbereich der neuen Zellen bewege sich zwischen 0,5 und
1,5 Prozent. Bei Pechstein lag der Spitzenwert der jungen Blutzellen bei 3,5 Prozent. „Das findet man bei gesunden Menschen oder Sportlern im Training nicht“, sagte Schmidt. Dabei sei
bei Pechstein langfristig betrachtet weniger der Durchschnitt mit etwa zwei Prozent auffällig, als vielmehr die extremen Schwankungen zwischen 1,3 und 3,5 Prozent.
Fest steht für Schmidt nur eins: Objektiv weichen die Blutwerte der bekannten Eisschnellläuferin von der Norm ab. Dies lasse sich mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 10 000:1
sagen. Ob aber Manipulation oder – wie von Pechstein zur eigenen Verteidigung vorgebracht – eine krankhafte Störung des Blutbildungssystems der Grund für die
auffälligen Werte ist, kann daraus nicht abgeleitet werden. „Es ist alles möglich“, sagte Schmidt, „aber der Verdacht ist da.“ Derzeit streiten sich die
Verbände, ob ohne den direkten Nachweis der Schuld eine Sperre von zwei Jahren zu rechtfertigen ist. Ob die erst kürzlich zugelassene indirekte Beweisführung bei Pechstein
zulässig ist, wird der internationale Sportgerichtshof CAS entscheiden. Wie Schmidt erklärte, habe der Gerichtshof bei der arbeitsrechtlichen Klage eines suspendierten Radrennfahrers
schon einmal das indirekte Verfahren angewendet. Die im Prozess vorgelegten Untersuchungsergebnisse stammten aus einer Studie von Bayreuther Forschern, die bei Spitzensportlern über
längere Zeit Veränderungen der Blutwerte dokumentierten. Neu bei der in Bayreuth entwickelten Methode ist die Bestimmung des absoluten Hämoglobinwertes, also der tatsächlichen
Zahl der Sauerstoff tragenden roten Blutkörperchen. Bislang werden lediglich relative Werte analysiert, wie etwa der Hämatokritwert. Er drückt den relativen Anteil aller Blutzellen
am Blutvolumen aus und kann durch verschiedene Maßnahmen manipuliert werden.
„Wir hätten die Möglichkeit, in solchen Fällen Klarheit zu schaffen“, sagt Schmidt. Voraussetzung, eine Manipulation des Blutes auszuschließen, wäre jedoch
eine regelmäßige Kontrolle und die Bestimmung der gesamten Hämoglobinmenge im Körper. Auch im Fall Pechstein könnte dies eine Lösung sein. Zwar sei eine Bewertung
der vorliegenden Testergebnisse im Nachhinein nicht möglich, Schmidts Vorschlag aber wäre: Claudia Pechstein lässt sich – bestenfalls für eine längeren Zeitraum als
nur zwei Wochen – unter kontrollierten Bedingungen, die der internationale Verband festlegt, testen. Alle zwei Tage könnten Blutwerte bestimmt und verglichen werden. In dem
Versuchsprotokoll müssten alle möglichen Einflussfaktoren, die zu Veränderungen führen könnten, berücksichtigt werden. Anschließend stehe fest, ob Pechstein
unerlaubt manipuliert habe.
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