03.05.2009, 17:15 Uhr
Von Felix Reichstein
HAMBURG/BAYREUTH. Ausgetalkt! Nach zehn Jahren und 1807 Sendungen wird im Herbst „Die Oliver Geissen Show“ eingestellt. Damit verschwindet der letzte deutsche Talkmaster von der Bildfläche. Luxus-Callgirl Vanessa Eden und "Supertalent"-Finalist Carlos Fassanelli, beide aus Bayreuth, saßen schon auf Geissens Couch. Auf KURIER online erzählen sie, was der TV-Zuschauer nicht sieht und warum der Gast meist ins kalte Wasser geschmissen wird.

Jetzt ist Schluss damit.
Mit dem Ende der "Oliver Geissen Show" gibt es mit "Britt — Der Talk um eins" (Sat. 1) nur noch eine letzte Talkshow im Deutschen Fernsehen. RTL hatte das Genre 1992 mit Hans Meiser eingeführt und zwischenzeitlich fünf tägliche Talkshows im Programm. Jetzt lässt der Sender es sterben. RTL-Geissen wurden schlechte Einschaltquoten zum Verhängnis. Seit Jahresbeginn hätten im Schnitt nur noch eine knappe Million Zuschauer eingeschaltet, teilte RTL mit.
Daniela Kerling (30) aus Bayreuth arbeitet seit 2004 als Luxus-Escort-Dame - vorwiegend in Köln, Frankfurt und Berlin. Unter dem Künstlernamen "Vanessa Eden" war die schöne Blonde schon zwei mal auf der Geissen-Couch, zuletzt am vergangenen Montag.
"Man lernt ihn überhaupt nicht kennen", sagt die 30-Jährige im Gespräch mit KURIER online. "Zu Oliver Geissen hat man nullkommanull Kontakt. Bei der ersten Sendung hat uns die Gästebetreuerin die Autogrammkarten in die Hand gedrückt. Er kommt rein wenn die Sendung beginnt und ist sofort wieder verschwunden, wenn alles aufgezeichnet ist."
Thema unbekannt
Kerling war schon bei RTL2 und in der BR-Talkshow "Pelzig unterhält sich" zu sehen. "Und so sind die auf mich gekommen." Dann klingelte das Telefon, die Redaktion war dran und fragte "ob ich der Meinung bin, dass ich auf Männer wirke", erinnert sich die Bayreutherin - denn "das Thema wird einem als Gast vorher nicht gesagt".
Doch genau das hieß am Ende: Ich verdehe jedem Mann den Kopf. Einverstanden sei man damit natürlich nicht, aber "das weiß man ja vorher nicht". Auch seien Texte eingeblendet worden, die "ich nie gesagt habe. Und im Vorgespräch - die nennen das Briefing - wird man gegen die anderen Gäste regelrecht aufgehetzt. So war eine Türkin der Meinung, dass Frauen hinter den Herd gehören." Dann gab es eine hitzige Diskussion. Die Blondine wurde zwar nicht angegriffen aber sie sei wohl als potentielles Opfer eingeplant gewesen.
Gast wird passend gemacht
Das Luxus-Call-Girl: "Die Redaktion sagte mir, dass ich nicht erzählen dürfe, dass ich auch Sex für Geld anbiete. Ich solle das unter keinen Umständen erwähnen, denn das wäre Förderung der Prostitution. Und die Show würde sich strafbar machen."
Doch das war eine Lüge. Kerling sollte sagen, dass sie nur mit den Männern essen geht, damit das Publikum einen Angriffspunkt auf sie hat. Und so sagte doch tatsächlich einer aus dem Publikum, dass er das nicht glauben würde. Dann wurde natürlich geklatscht. "Ich war aber gezwungen, dass ich die Wahrheit nicht zugeben durfte", blickt die Escort-Lady zurück.
Die zweite Sendung, die am vergangenen Montag gezeigt wurde, lief dann wesentlich besser. Die Bayreutherin wurde ganz bewusst als Vannessa Eden eingeladen. Das Thema: Treuetest - Liebst du mich oder täuschst du mich! "Alles war ganz anders. Ich fühlte mich, als ob ich in einer anderen Sendung sitze. Alles ist sehr neutral abgelaufen, keiner hat den anderen angegriffen und ich war ja auch nur in den letzten fünf Minuten zu sehen. Meine Aussage war, dass etwa 80 Prozent meiner Kunden vergeben sind. Interessanterweise hatte auch vom Publikum keiner etwas zu sagen."
Fassanellis bewegende Geschichte
"Supertalent"-Finalist Carlos Fassanelli aus Bayreuth redete mit Oliver Geissen über Gesang und seine sehr persönliche Geschichte. Der HIV-Positive eroberte mit seiner emotionalen Frank-Sinatra-Version von „My Way“ die Herzen von Millionen Zuschauern und schaffte es so bis ins Finale der Casting-Show.
Fassanelli zu KURIER online: "Man ist immer aufgeregt, wenn man im Fernsehen über sich erzählen muss. Aber es war doch sehr angenehm, muss ich ganz ehrlich sagen. Und Oliver Geissen kommt sehr sympathisch rüber."
Was der TV-Zuschauer nicht sieht
Die Gäste, darunter viele Hartz-4-Empfänger, erhalten eine magere Gage. Laut Kerling zwischen 20 und 50 Euro. Es werden drei Sendungen am Tag aufgezeichnet. Und das dauere nach den Worten der 30-Jährigen pro Sendung exakt 45 Minuten. Es werde kaum etwas herausgeschnitten.
Die Zuschauer werden vorher von einem Einheizer animiert. "Dem Publikum wird erklärt, wann und wie sie klatschen sollen, es werden Klatschstufen von eins bis drei einstudiert."
"Tach und Moinmoin", die immerselbe Begrüßung wird nicht geprobt. Und die wird, samt der Show, bis zum 19. Mai noch einige Male aufgezeichnet. Bis Mitte Juni wird RTL Erstausstrahlungen senden und bis zum Herbstbeginn Wiederholungen.
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