04.04.2009, 16:50 Uhr
BERLIN. Bei den Bayreuther Festspielen 2008 hat der norwegische Regisseur Stefan Herheim mit seiner „Parsifal“-Inszenierung die Bayreuther Regie auf ein technisches und geistiges Niveau gehoben, wie man es auf dem Hügel seit gut 15 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Hermann Grampp sprach für diese Zeitung mit Herheim über seine „Lohengrin“-Neuinszenierung an der Staatsoper Berlin, die am Samstag Premiere feiert.
Frage: Herr Herheim, wie kann man einem heutigen Publikum diese so entrückte, kaum glaubhafte Geschichte des „Lohengrin“ nahebringen?
Herheim: Indem man sich ernsthaft und gleichzeitig spielerisch der Glaubwürdigkeit dieses Theaters, seiner Art, menschliche Empfindlichkeiten zu problematisieren, und der
Hoffnung auf Erlösung annähert und sich bemüht, diese Mechanismen auf eine suggestive Art offenzulegen. Auf wunderbare Weise wird in diesem Stück auch unsere eigene
systembedingte Ohnmacht reflektiert, gerade im Umgang mit dem Wunder, das zwar „schön und hehr“ erscheint, doch Folgendes bewirkt: „Das Aug vergeht vor solchem
Glanz!“ – es darf ja scheinbar nicht rational hinterfragt werden. Wagner hat sich – wie Lohengrin am Ende des Stückes – als Künstler in sein Exil und seinen
Elfenbeinturm zurückgezogen, nachdem er als steckbrieflich gesuchter Revolutionär den deutschen Boden verlassen musste, ein Land, in dem eine „Kulturrevolution“ nach Wagners
Vorstellungen nicht greifen konnte, weil niemand in der Lage war, seine Kunst unbedingt und unmittelbar zu lieben.
Frage: Würden Sie aus Wagners Biografie heraus – Wagner wurde 1849, kurz nach der Fertigstellung der Oper, ins Exil gedrängt – „Lohengrin“ als
Revolutionsoper fassen?
Herheim: Wenn, dann ex negativo. Sie ist ein gesellschaftlicher, vor allem aber ein persönlicher Hilfeschrei eines absoluten Künstlers, der sich in seiner Hybris
verstrickt sieht. Lohengrin kommt als Schützer der Liebe und der Gerechtigkeit, scheitert aber an den Bedingungen einer Realität. Der gescheiterte Aufbruch bringt die Restauration
althergebrachter Machtstrukturen, was den ganzen Widerspruch im Leben und Werk Richard Wagners widerspiegelt: Wagner, der „republikanische Monarchist“, der von Gottes Gnaden
protegierte Künstler.
Frage: Sehen Sie in einer bestimmten Figur von „Lohengrin“ das in der Vita Wagners gespiegelte „revolutionäre Element“?
Herheim: Es ist sehr interessant, wie Wagner „die politische Frau“ Ortrud als das Übel der Welt verteufelt. Er bezeichnet sie als das rein Reaktionäre,
wobei diese Frau im Grunde die revolutionärste und modernste Figur im Stück ist, insofern sie die Machstrukturen durchschaut und völlig emanzipiert und aufgeklärt handelt.
Natürlich muss man sie im Rahmen des Werkes verteufeln, da sie aus niederen Beweggründen handelt und gänzlich von Rache und Streben nach Macht getrieben ist. Ein zentraler Punkt
des Werkes ist eben die Unvereinbarkeit von Liebe und Macht. Aus unserer heutigen Perspektive muss Ortrud als emanzipierte und aufgeklärte Frau gelten, weil sie genau beobachtet und erkennt,
welche Ohnmacht dem patriarchalischen Machtsystem zugrunde liegt.
Frage: Was ist nun Ihr Konzept für die Neuinszenierung des „Lohengrin“ an der Staatsoper Unter den Linden?
Herheim: Das Werk stellt in Frage, wie man als Mensch einen von Gott gesandten Mann, der Glaube als Wissen handhabt, Glauben schenken kann. Er selbst folgt einem ihm auferlegten
Kadavergehorsam und verlangt diesen auch allen ab, die seiner Gnade teilhaftig werden wollen. Diese unbegreifliche Göttlichkeit muss von Menschen verraten werden und umgekehrt, sonst
wären ja beide nicht, was sie sind. Die Tragik liegt in der Unmöglichkeit, dass diese beiden Prinzipien je zusammenfinden in einer Welt, die von Zweifel, Gier und vom Hang zur
Überwindung der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ getrieben ist. Man darf die Bedeutung von Wagners „Risorgimento“ in diesem Zusammenhang nicht unterschlagen.
Die Haupthandlung ist in einer disparaten, gesellschaftlichen Situation positioniert, in einem Klima der äußeren Kriegsbedrohung und der inneren Zwietracht, in der die Hoffnung auf eine
große, sammelnde Einheit, wie sie König Heinrich repräsentiert, wächst. Eine zentrale Frage ist also, wie man diese Situation plausibel in unsere Zeit übersetzt, obwohl
Lohengrins monströses Frageverbot heute doch so faschistoid wirkt. Es gilt die Ambivalenz des Konstrukts aufzuzeigen, das Wagner entworfen hat. Im Grunde geht es um unsere Befindlichkeit
gegenüber der Tatsache, dass wir nach wie vor nicht über unseren eigenen Tellerrand gucken können, ohne das System, in dem wir leben, als ein unmenschliches zu erkennen. Niemand
stürzt sich freiwillig in dieses Unglück. Dieses unlösbare Problem ist für mich das Hauptthema. Und da Lohengrin in seiner glanzvollen Erscheinung zunächst einen rein
ästhetischen Zauber ausstrahlt, dem sich keiner entziehen kann, muss man die Frage stellen, wie eine solche Kunstfigur der Oper in der heutigen Zeit zu erscheinen hat, damit er als
„unerhörtes, nie geseh’nes Wunder“ wirken kann. Da ist man im Bereich des Unvorstellbaren, was auch Konsequenzen für die Frage nach dem Wesen und der Funktion der
Gattung Oper überhaupt hat. Denken Sie nur, wie viel Zwietracht in Berlin herrscht, wo der kulturpolitische Opernkrieg seit Jahren tobt. Für mich gleicht dieser Kampf den
Verhältnissen in Wagners Brabant, wo jeder dem anderen den Kopf abzuschlagen bereit ist, sobald von außerhalb Kritik formuliert wird. Niemand ist bereit, sich der Verantwortung zu
stellen, doch ein jeder möchte mitreden. Und alle warten auf denjenigen, der eine (Er-)Lösung herbeizuführen vermag, wobei dieser eigentlich gar keine Chance hat, weil unter diesen
Verhältnissen gar kein Vertrauen, kein Glaube und kein Mut zur Erneuerung in der Kunst erblühen kann. Und so sind alle froh, wenn es so läuft, wie es immer lief. Niemand traut sich
aus einer heldenhaften Hoffnung heraus etwas Neues entstehen zu lassen, aus Angst vor dem Scheitern.
Frage: Wie setzen Sie diese Gedanken in der Inszenierung um? Die Unglaubwürdigkeit der Figur Lohengrin sowie den Zeitbezug zur aktuellen Berliner Operndebatte?
Herheim: Sie meinen, ob es heute überhaupt noch möglich ist, in einem Opernbetrieb eine Geschichte glaubwürdig zu vermitteln, wo nur
„Stellvertretungstheater“ betrieben wird? Ich habe mich daher dazu entschlossen, die Puppe, die Marionette als Sinnbild zu verwenden. In dem wunderbaren Text von Kleist
„Über das Marionettentheater“ werden ja die Extreme von gar keinem Bewusstsein und unendlichem Bewusstsein in Gliedermann und Gott gegenübergestellt. Daraus ergeben sich
relevante Fragen: Was ist nun „göttlicher“: die Grazie der perfekt ausgeloteten Puppe, das tote Material, vom Geist eines Menschen zum Leben erweckt? Oder der Mensch an sich, von
einer höheren Idee, ob religiöser, künstlerischer oder ideologischer Natur geführt?
Frage: Wer lenkt diese Puppen?
Herheim:Zunächst ist natürlich Wagner selbst der Drahtzieher, der uns ein wundervolles Welttheater vorführt. Er zeigt uns Lohengrin als „perfekte
Puppe“. Mit und durch diese Suggestion wird es möglich, an einer romantischen, sehr archaischen Geschichte über reine Liebe zu glauben. Das Faszinierende ist natürlich, dass
sich Wagner selbst als Mensch aus diesem Prinzip von Führung und Geführtsein nicht befreien konnte, so sehr er es auch versucht hat. Lohengrin drückte ihn ein Leben lang wie ein zu
enger Schuh. Und er ließ nach „Lohengrin“ das Kreuz und die Strippen fallen, um im „Ring“ viel rationaler und psychologisch differenzierter ans mythologische Werk zu
gehen.
Frage: Ihre Inszenierung ist neben dem Puppenhaften von einer zweiten Hauptmetapher bestimmt, die den Sündenfall am Baum der Erkenntnis thematisiert.
Herheim: In „Lohengrin“ findet eigentlich keine andere Läuterung statt als jene, die wir dem alttestamentarischen Sündenfall abzugewinnen haben. Sobald man
das Verbot übertreten hat, ist man aus dem Paradies und aus Gottes unmittelbarer Gnade verbannt. „Lohengrin“ erscheint nahezu wie ein Versuch, Eva durch Elsa zu rehabilitieren,
der Menschheit sozusagen eine Chance zu geben, den Sündenfall rückgängig zu machen, wobei schnell deutlich wird, dass sich hinter dieser Geschichte die Manipulation einer
patriarchalischen Machtinstanz verbirgt. Eva ahnte den Widerspruch des göttlichen Verbots, vom Baum der Erkenntnis zu essen und kostet die Frucht, damit sie den Kategorien Gut und Böse
überhaupt einen Sinn zuordnen und das Verbot begreifen kann. Hierfür wurde sie für immer verteufelt und bestraft. Ein weiterer Aspekt meiner Inszenierung ist die Gleichsetzung der
deutschen Gerichtseiche mit dem besagten Baum der Erkenntnis. Der Baum ist bei uns bereits am Anfang gefällt worden, und liefert so das Holz für die Puppen, die in das künstlich
geschaffene Paradies unter dem Schutz des göttlichen Schwanenritters taumeln.
Frage: Im Bayreuther „Parsifal“ wurde deutlich, wie sehr Sie aus der Partitur heraus inszenieren, was beileibe nicht für jeden Regisseur gilt. Wird dies auch bei
„Lohengrin“ der Fall sein?
Herheim: Wissen Sie, ich bin Musiker im Herzen, ich habe keine andere Wahl. Meine Aufgabe besteht darin, eine Partitur sichtbar zu machen. Ich wüsste nicht, was Musiktheater
sonst versuchen sollte. Bei aller Achtung für jegliche Experimentierfreude – für mich ist Musiktheater, wenn man mit den Augen hört und den Ohren sieht. Diesem Anspruch kann
und will ich mich nicht entziehen.
Frage: Verwenden Sie Wagners Schriften für die Vorbereitung einer Inszenierung, wie etwa seine zahllosen Briefe?
Herheim: Bei „Lohengrin“ kommt man an den Briefen an Liszt nicht vorbei. Wagner konnte ja der Uraufführung in Weimar nicht beiwohnen und schilderte Liszt aus dem
Exil im Detail, wie er sich alles vorstellte. Allerdings darf man diese Angaben nicht immer wortwörtlich nehmen. Ich bin ja ein alter Götz-Friedrich-Schüler, es war eine klassische
Prüfungsfrage von ihm: Wie inszeniert man die Ankunft Lohengrins? Wenn man Wagners Anweisungen folgt, müsste der Chor nach hinten gehen und alles gegen die Rückwand singen!
Frage: Welche Rolle spielte und spielt Ihr Lehrer Götz Friedrich in Ihrem Opernschaffen? Haben Sie Elemente seines Einflusses beibehalten?
Herheim: Ganz bestimmt, doch verläuft dies wohl vor allem unterbewusst. Er war für mich in erster Linie ein meisterhafter Dramaturg. Er forderte vor allen Dingen eine
scharfe Analyse der Musik, ein Nachdenken über die Werke im Kontext der Zeit der Handlung, der Entstehung und der Aufführung, also heute. Theatral bin ich wohl weniger von ihm
beeinflusst als von anderen Kollegen seiner Zeit, wie zum Beispiel Harry Kupfer. Peter Konwitschny und Willy Decker waren ebenso wichtige Leitfaden für mich. Jedoch kann ich nicht
sagen, ich hätte diese oder jene Einflüsse bewusst gewählt. Ich liebe Oper und damit auch die unendliche Vielfalt der Möglichkeiten, Oper zu leben. Eine Art sportliches
Konkurrieren mit Kollegen ist mir hingegen völlig fremd.
Frage: Setzen Sie sich mit der Aufführungsgeschichte von Inszenierungen auseinander, bevor Sie sich an eine eigene Deutung wagen?
Herheim: Nun, die Aufführungsgeschichte verschmilzt ja oft mit dem Werk selbst – was fatale Folgen haben und das Werk zur Unkenntlichkeit entfremden kann. Man muss
also zunächst das Stück für sich entdecken. Darüber hinaus gilt es natürlich zu vermeiden, ein Werk so auszulegen, wie es jemand anders gerade gemacht hat. Wenn man es
trotzdem tut, dann, um bewusst einen ganz anderen Aspekt hervorzukehren. Es geht ja im heutigen Repertoirebetrieb um das Schleifen von neuen Facetten in alten Diamanten, was neue Reflexionen im
Bewusstsein der Zuschauer ermöglicht.
Frage: Wie lange haben Sie sich vorbereitet auf diesen „Lohengrin“?
Herheim: Wenn man so will, ein Leben lang! Ich denke, mit sechs oder sieben Jahren habe ich die Kempe-Aufnahme mit Elisabeth Grümmer und anderen zum Geburtstag bekommen und
war sofort fasziniert. Zudem war mein Vater Bratschist in der Oper in Oslo und ich durfte ihn mehrmals pro Woche zur Arbeit begleiten. Das Puppentheater gab mir die Möglichkeit, mein eigenes
Opernhaus en miniature zu schaffen. Ich habe die Gesamtaufnahmen auf einer Musikkassette runtergekürzt und meine eigene Puppen-Opernaufführungen gemacht. Im Alter von 18 habe ich dann
eine eigene Opern-Puppentheater-Kompanie gegründet und bin durch Norwegen getourt ...
Frage: Sie haben „Tannhäuser“ in Linz, „Rheingold“ in Riga, „Parsifal“ in Bayreuth und nun „Lohengrin“ in Berlin in Szene
gesetzt. Wollen Sie irgendwann den ganzen Wagner inszeniert haben?
Herheim: Ein Werk wie „Rienzi“ interessiert mich nicht sonderlich. Ich mache nochmals „Tannhäuser“ 2010 in Oslo und danach vielleicht dort auch noch
den „Holländer“. Der „Ring“ wurde mir von verschiedenen Häusern bereits angeboten, doch diese Aufgabe habe ich alleine aufgrund meines Zeitschemas, in dem Wagner
derzeit sowieso dominiert, nicht angenommen. Zudem droht bei so vielen aktuellen „Ring“-Produktionen bis 2013 eine gewisse Übersättigungsgefahr, dazu auch ein
Besetzungsproblem, da überall Wagner gleichzeitig gespielt werden soll.
Frage:Was aber nicht heißen soll, dass Sie den „Ring“ ausschließen.
Herheim: Keineswegs. Durch die Inszenierung von „Das Rheingold“ in Riga habe ich jegliche Berührungsangst mit dem Zyklus verloren. Und das Wunderbare ist ja,
dass die vier Stücke so unterschiedlich sind, dass man an jedes anders herangehen kann und muss.
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