26.03.2009, 17:00 Uhr
Von Christina Schober und Felix Reichstein
BAYREUTH/FRANKFURT/MAIN. Bikini-Figur, reine Haut, glänzende Augen und das perfekte Dekolteè: In Zeitschriften wie Cosmopolitan, Amica & Co. lernen Kinder und Jugendliche tagtäglich, wie sie aussehen sollten. Auch wenn die Models noch so schön sind, werden die Hochglanzfotos immer digital nachbearbeitet. Das befindet das Frankfurter Zentrum für Ess-Störungen für gefährlich. Denn so entsteht ein Schönheitsideal, das es gar nicht mehr gibt.

"Wir wollen den Models die Maske herunterreißen", sagt Sigrid Borse zu KURIER online. Sie ist Geschäftsführerin des Frankfurter Zentrums für Ess-Störungen und will den Jugendlichen die Augen öffnen - mit BodyTalk, einem bundesweiten Präventionsprojekt, das seit 2005 kostenlose Workshops für Schulen anbietet.
"Fernsehsender und Zeitschriften zeigen, was schön ist", meint Borse. Dabei würden die Bilder der Mode-, Musik- und Kosmetik-Branche den Heranwachsenden ein extrem einseitiges Schönheitsideal vor Augen führen. "Und das mit enormer Überzeugungskraft. Gerade Kinder und Jugendliche sind besonders anfällig für Markenbotschaften und das vermittelte stereotype Verständnis von Schönheit. Sie sind dadurch einem hohen sozialen und medialen Druck ausgesetzt."
Fitnessstudio, Diät oder gar Schönheits-Operationen - was tun Models nicht alles, um perfekt auszusehen. Aber nicht nur das. "Die eigentliche Veränderung ist heute die digitale Bildbearbeitung. Früher schnitt man Kleider auf Körper zu. Jetzt wird der Körper digital zugeschnitten", sagt die Body-Talk-Projektleiterin, die das Programm in Zusammenarbeit mit der Körperpflegemarke Dove ins Leben gerufen hat.
Gefährliche Bildbearbeitung
Der digitale Körperkult ist gefährlich, so die Meinung des Zentrums für Ess-Störungen: "Entspricht der eigene Körper nicht dem gängigen Idealbild, so kann dies zu einer erheblichen Verunsicherung und Selbstwertproblematik führen. Häufige Diäten als Folge dieser Entwicklung bilden ein Risiko für die Entstehung von Essstörungen."
21,9 Prozent der 11- bis 17-Jährigen haben bereits ein auffälliges Essverhalten, besagt eine Studie des Robert-Koch-Instituts. Das sind 1,4 Millionen Jugendliche, die ihr Essverhalten von Gefühlen leiten lassen. Und 56 Prozent der 13- bis 15-Jährigen wollen dünner sein, so das Ergebnis einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).
"Schönheit bedeutet, sich wohl zu fühlen in der eigenen Haut", meint Sigrid Borse. In Workshops soll die Manipulierbarkeit von Schönheit aufgezeigt werden, mit Video (s.u.) und Fotos. "Den Schülern soll so der selbstbewusste Umgang mit dem eigenen Körper und seiner individuellen Schönheit vermittelt werden".
In Sekunden vom häßlichen Entlein zum wunderschönen Schwan
"Jedes Bild wird nachbearbeitet, bevor es veröffentlicht wird", meint Fotograf Bernd Gut aus Bayreuth. Dabei müsse allerdings darauf geachtet werden, dass die Bearbeitung nicht unnatürlich aussieht. In der Welt der Models sei es gang und gäbe, dass der Busen mit Photoshop vergrößert wird, Falten am Körper geglättet oder Oberschenkel schmäler gemacht werden.
Gut hat für KURIER online einige Fotos nachbearbeitet. Vom „hässlichen Entlein“ zum „schönen Schwan“, „die Möglichkeiten der Bildbearbeitung mit Photoshop sind unbegrenzt. So kann man leicht Gesichtsfalten entfernen, Hautunreinheiten wegretuschieren oder die Zähne aufhellen.
Doch auch das Gegenteil ist möglich: Der Fotograf zeigt, wie man Fotos so verändern kann, dass man stark übernächtigt und faltig aussieht. Auch die Zähne kann man so ungepflegt wirken lassen, dass jeder Zahnarzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde. Alles, was dem Betrachter vor Augen geführt wird, entspricht letztendlich also nicht der Realität.
Leiden Sie unter Essstörungen?
Testen Sie sich unter www.suchtberatung-bayreuth.de. Im letzten Jahr ließen nach Angaben der Suchtberatung 60 Personen wegen Essstörungen beraten. Viele Betroffene würden sich jedoch gleich an Psychotherapeuten oder Kinder- und Jugendpsychiater wenden.
"Essstörungen gab es auch schon, bevor Zeitschriften und das Fernsehen voll von schönen makellosen Models waren", meint die Psychologin Melanie Bauschke von der Suchberatungsstelle. Sicherlich führe das durch die Medien suggerierte Schönheitsideal bei manchen Mädchen zu einer verzerrten Körperwahrnehmung. "Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass junge Frauen sich in ihrem eigenen Körper so unwohl fühlen, dass sie schlecht essen und magersüchtig werden."
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