30.01.2009, 17:41 Uhr
Von Alexander Gradl
BAYREUTH. Oswald Henke ist nicht nur Kopf der Band „Goethes Erben“, er hat auch bereits drei Bücher mit Gedichten veröffentlicht. KURIER-Mitarbeiter Alexander Gradl hat sich mit Henke über sein jüngstes Werk und sein literarisches Schaffen unterhalten.
KURIER: Herr Henke, Ihr aktuelles Buch heißt „Ich habe mir die Liebe abgewöhnt und bin doch weiter süchtig“. Der Klappentext spricht von einer zerbrochenen Liebe.
Henke: Das ist zweideutig zu verstehen. Einmal habe ich mein Hauptprojekt „Goethes Erben“ vorerst in den Ruhestand geschickt. Wir geben also erstmal keine Konzerte und werden keine weiteren Projekte anschieben. Und zum anderen natürlich auch eine private Geschichte. Goethes Erben war über ganz viele Jahre der Mittelpunkt meines Lebens, das kann man wie eine Ehe betrachten, die man da eingeht.
KURIER: Die man dann auch nicht einfach loslassen kann.
Henke: Genau. Die hab ich mir abgewöhnt, aber man ist natürlich auch weiterhin süchtig auf eine Bühne zu gehen oder Musik zu machen. Ich habe als Alternative nach einer wirklich neuen Band gesucht, wie jetzt fetisch:Mensch, die zu viert neue Lieder entwickelt. Ein anderes Projekt heißt schlicht Henke, das im Endeffekt die Retrospektive aller meiner Lieder vor fetisch:Mensch ist. Da gehe mit einer komplett aus regionalen Musikern bestehenden Band auf die Bühne und spiele Stücke von Goethes Erben, Artwork und Erblast. Das befindet sich derzeit alles in der Probephase, im Sommer werden wir dann auf einigen Festivals wie dem Amphi Festival in Köln oder dem Wave-Gothic-Treffen in Leipzig spielen.
KURIER: Ein Schlüsselgedicht des aktuellen Buches war für mich gleich das Erste, „Caritas wartet“, vor allem in Verbindung mit dem Titelbild, auf dem Sie in Mullbinden gehüllt vor einem weißen Laken mit rotem Kreuz stehen. Was bedeutet Jhnen der Begriff Caritas?
Henke: Ich finde, gerade wenn es einem gut geht, sollte man immer daran denken, dass es ganz vielen Menschen gerade nicht so gut geht. Vielleicht sollte man das ein oder andere Kleine geben, um anderen Menschen wieder etwas Glück zu schenken. Das ist der Grundansatz, es ist humanistisch zu sehen. Wo ich kann, versuche ich im Rahmen meiner Möglichkeiten zu helfen. Das ist auch ein Ziel, das man im Leben haben sollte; die Welt ein kleines Stückchen besser zu machen. Ich habe zum Beispiel seit Jahren Kontakt zu Klik, der Berliner Hilfseinrichtung für Straßenkinder. Dort habe ich zum Beispiel einige Karten für unsere Abschlusskonzerte in Berlin hinterlegt für Leute, die sich für die Art der Musik interessieren, sich aber niemals leisten könnten, ein Erben-Konzert zu besuchen. Solche Kleinigkeiten machen Menschen glücklich, mich persönlich kostet es nichts weiter als ein bisschen Dialog zu betreiben.
KURIER: Erinnert mich an den Film "Wenn Träume fliegen lernen", in dem Plätze für Waisenkinder freigehalten werden.
Henke: Genau, Glück verbreiten durch kleine Gesten
KURIER: Viele Texte handeln von Schmerz, das Wort Narben taucht oft auf, im Gegensatz dazu aber immer wieder auch Liebe und Nähe.
Henke: Ich denke, das sind einfach die Dinge, die den Menschen formen im Laufe seines Lebens. Liebe kann eben sehr schön sein, kann aber auch schmerzhaft sein. Das kann man von den unterschiedlichsten Blickwinkeln aus betrachten. Eine Beziehungsliebe ist eine andere Liebe als wenn man jetzt sein eigenes Kind liebt oder seine Eltern, Verwandte, Freunde.
Das sind ja unterschiedliche Stufen von Liebe. Viele Menschen gehen mit dem Begriff Liebe oft sehr leichtfertig um: sagen „Ich liebe dich“, obwohl sie vielleicht gerade ein verliebtes kleines Gefühl in ihrem Bauch verspürt haben.
Für mich die innigste Liebe ist die Elternliebe, vor allem die Mutterliebe. Das ist eine sehr intensive Liebe, weil es ja das eigene Kind ist, das man neun Monate in der Regel in sich getragen hat. Ich habe selbst keine Kinder, aber der Freundeskreis. Immer wenn Kinder gekommen sind, dann haben sich Beziehungen verschoben.
Plötzlich war der Mittelpunkt nicht mehr der Partner, sondern das Kind. Daneben gibt es diese Liebe zu Dingen, zu einem relativ toten Gegenstand, einem besonderen Möbelstück oder einem besonderen Film oder Musikstücken. Am bizarrsten verläuft aber eben immer die Liebe, die man immer missversteht, die Beziehungsliebe.
Wenn man sich in einen Menschen verliebt, mit ihm etwas erleben, Gemeinsamkeiten entdecken, mit ihm eine gemeinsame Lebenswegstrecke bewältigen möchte. Nicht las Einzelkämpfer. Diese Liebe kann wunderschön sein, kann aber auch extrem schmerzhaft sein. Davon handelt auch hauptsächlich das Buch.
KURIER: Eine Frage zu den formalen Aspekten mancher Gedichte. Oft verzichten Sie auf Interpunktion, vernachlässigen Groß- und Kleinschreibung, es fließt eben einfach dahin. Steckt da eine Intention dahinter?
Henke: Ja, denn wenn ich denke, denke ich auch ohne Satzzeichen. Die Gedanken fließen und so wollte ich das auch ein bisschen mit den Worten darstellen. Das ist dann natürlich oftmals schwieriger zu lesen, aber wenn die Texte nur aus relativ kurzen Worten hintereinander bestehen, es sind ja zum Teil keine ganzen Sätze, sondern nur Gedankenfragmente, Wortschöpfungen, dann funktioniert das schon.
Bei komplexeren Texten achte ich der Lesbarkeit wegen schon auf Groß- und Kleinschreibung sowie Interpunktion, ansonsten lege ich keinen Wert darauf. Den größten Humbug, den sich Deutschland angetan hat, ist diese Rechtschreibreform. Mittlerweile weiß ja gar keiner mehr, wie was zu schreiben ist. Ich habe manche Texte eben nur klein geschrieben, und falls sich in den nächsten zehn Jahren die Groß- und Kleinschreibung ändert, ist es mir egal, es bleibt trotzdem so. Das ist die künstlerische Freiheit, die ich mir herausnehme.
KURIER: Um das Thema Fragmente aufzugreifen. Das Gedicht „Variabel…“ arbeitet nur mit Fragmenten, man kann sich darunter viel vorstellen, zielt aber natürlich in eine sexuelle Richtung. Was waren Ihre Gedanken während des Verfassens?
Henke: Mit nur ein wenig Fantasie wird es natürlich absolut klar. Es ist ein provokanter Text. Während Leseperformances liebe ich es, die Zuhörer zu beobachten. Die unterschiedlichen Generationen, wie sie so reagieren. Die einen kichern, die anderen sind eher „Oh Gott, darf man so was sagen“, aber das spielt sich im Kopf ab, das sind alles neutrale Worte, die Kombination der Worte in diese Reihenfolge, die ist ja das Ausschlaggebende. Wenn ich sie vermengen würde, dann würde es einen ganz anderen Sinn ergeben. Das ist ja das besondere an Sprache.
KURIER: Ein weiteres Gedicht ist „Die Ballade vom Menschen, der sich selbst aß“. Eines der wenigen Gedichte, das eine konkrete Geschichte erzählt.
Henke: Es fällt natürlich extrem aus dem Rahmen, sowohl stilistisch als auch inhaltlich. Ein extremst brutaler Text, aber er hat auch seinen Sinn im Buch. Weil Liebe oftmals an eine Art Selbstzerfleischung, eine Art sich selbst Aufzehrens grenzt. Ich entschärfe es durch leicht zynischen Humor. Es würde sehr grotesk aussehen, wenn man sich selbst essen würde.
KURIER: Es sind auch Texte von fetisch:mensch enthalten. Waren die Texte immer zuerst da oder haben sich manche Texte auf die Musik entwickelt?
Henke: In der Regel sind die Texte zuerst entstanden. Wenn sie in ein Musikstück umgewandelt werden, variiert manchmal ein Teil leicht, indem ich ein Fragment heraussuche, welches ich als Refrain benutzen kann, es wiederholt sich dann natürlich. Aber der Text steht als Gedicht, zusammen erarbeitet man das Stück. Tim Hofmann erarbeitet in erster Linie die Musik, arrangiert wird es gemeinsam, später kommt dann die Band dazu.
Dann entsteht der eigentliche Song. Es ist wie eine Geburt, mit vielen Reibungspunkten, aber auch sehr viel Spaß. Ein demokratisches Arbeiten. Für mich eine neue Erfahrung, bei Goethes Erben haben Mindy Kumbalek und ich alles gemacht, den Musikern haben wir gesagt, was sie zu tun haben. Ein Stück Diktatur in der Musik. Obwohl ich sage, dass Demokratie in der Politik sicherlich der richtige Weg, in der Kunst aber manchmal hinderlich ist. Wenn ein Maler mit vier Assistenten arbeiten würde und einer würde sagen „Mal doch nicht den ganzen Reiter blau“, dann würde es dieses Bild in der Urvorstellung des Malers nicht geben.
Da ecke ich gerne an und sage, dass Kunst gar keine Demokratie zu sein hat, sondern eine Art von Diktatur desjenigen, der sie macht. Sie wirkt sich nur auf einen relativ kleinen Rahmen aus und ich dränge ja niemandem anderen etwas auf. Das ist dann der große Unterschied zu politischer Diktatur, die man natürlich absolut ablehnen sollte.
KURIER: Sie haben Gedichte verfasst, es gibt aber auch einen Kurzfilm, „Debilitas“, zu dem Sie das Drehbuch geschrieben haben. Von was handelt er?
Henke: „Debilitas“ handelt von der Frage „Was ist gut und was ist böse?“. Das unterliegt im Allgemeinen immer einer Interpretation. Es ist immer sehr zeitabhängig gewesen. Gerade auch in der jüngeren deutschen Geschichte gab es ja Dinge, die erlaubt und plötzlich nicht erlaubt waren, die akzeptiert und plötzlich nicht mehr akzeptiert waren, die unter Strafe gestellt waren und plötzlich nicht mehr. „Debilitas“ ist die Interpretation dieses Sachverhalts, ein Schild auf einer Tür. Darum geht es im Film, der natürlich sehr düster wirkt.
KURIER: Interessiert Sie auch die Arbeit an einem Roman, also in einem längeren Kontext Personen zu beobachten? Oder fasziniert Sie gerade das an Gedichten, dass man immer wieder Themen aufnehmen kann und von verschiedenen Perspektiven beleuchten kann? Denn gerade das ist in Romanen oft schwierig. Wenn man in sich in eine Erzählstruktur eingebunden hat, ist es schwierig, aus dieser wieder auszubrechen.
Henke: Ich habe mich an Kurzgeschichten versucht. Mit „Blau“ und „Rebell“ habe ich auf dem 1995 erschienenen Album „Goethes Erben“ zwei dieser Werke vertont. Ich denke aber, dass mir für einen Roman die Recherchearbeit zu aufwändig ist, ich recherchiere lieber in mir, in meinem Gefühlsleben. Einen Roman muss man sehr genau recherchieren, sehr präzise arbeiten, da muss man sich quasi die Subgeschichte genau beobachten, also welche Figuren habe ich, was habe ich von denen schon erzählt. Das, glaube ich, liegt mir nicht.
KURIER: Dass manche Aspekte also wieder fallen gelassen werden, die Kritiker dann aber kommen und sagen „Diese Figur verhält sich aber weiter vorne charakterlich völlig konträr“.
Henke: Ganz genau. Vielleicht irgendwann mal, wenn ich noch älter bin, aber im Moment, glaube ich, tauge ich nicht dazu, einen Roman zu schreiben. Was allerdings jetzt für das vierte Buch geplant ist, ist Kurzgeschichten mit zu integrieren. Also dann wenigstens mal über zehn bis 15 Seiten an einem Thema bleiben und darüber schreiben und erzählen.
KURIER: Herr Henke, vielen Dank für das Interview.
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