Geldstrafe wegen zwei grausam getöteter Rehe

Es ist Mitte Juni 2013, das Gras steht sehr hoch auf der Wiese von Bauer F. Andere Bauern haben schon zum zweiten Mal gemäht, als er mit seinem Traktor auf die Wiese fährt. Einen Bauernhof weiter steht eine junge Frau am Fenster im zweiten Stock, das Fernglas in der Hand. Die 20-Jährige ist Auszubildende in der Landwirtschaft, ihr Vater ist Jäger. „Ich kenne mich aus.“ Sofort geht sie zu dem älteren Bauern und sagt, in seiner Wiese seien Rehe. „Ich sehe keine“, soll der gesagt haben. „Dann hab ich sie ihm gezeigt.“ Die junge Frau mit den langen rötlichen Haaren weist auf die Geisen, die Rehmütter, die aufgeregt am Rand des Feldes auf- und abspringen. „Sie schrien.“

Hammer dabei

„Sie sehen aber gut“, soll Bauer F. gesagt haben. Aber die Frau bohrt weiter. Es gebe doch Jäger im Dorf, die in der Wiese suchen könnten. „Ich regle das selbst“, soll der Bauer gesagt haben. Die Jäger sollten sich um die Wildschweine kümmern, „ich kümmere mich schon um die Rehe“. Im übrigen habe er einen Hammer dabei, um verletzte Tiere zu töten. Hier ging ein Raunen durch den Saal, der bis auf den letzten Platz mit Jägern besetzt war. „Unfassbar“, sagt einer der Jäger.

Wenig später gibt die junge Frau auf, den Bauern zu überzeugen. „Es war aussichtslos“. Sie sieht nur noch, wie der Traktor langsamer wird, ein Traktor mit „riesigem breiten und schnellen Mähwerk“, das die Grashalme ganz unten anpackt. Irgendwann hält der Traktor an. Dann „packt er ein Kitz an den Ohren und schmeißt es hinten auf die Ladefläche.“ Wenig später wird der Traktor ein weiteres Mal langsamer. Wohl als er das zweite Kitz mit seinem gewaltigen Mähwerk überfahren hat.

Drei Beine abgetrennt

Nach einer Stunde war die Wiese gemäht, die Rehmutter war an den Feldrand zurückgekehrt. Aber in der gemähten Wiese lag ihr schwer verletztes Kitz, dem drei Beine abgetrennt wurden. Die junge Frau packt es und trägt es zu sich auf den Hof. Ein Jäger  konnte das Tier nur noch „erlösen“.

Der Bauer selbst macht keine Angaben vor Gericht, sitzt mit verschränkten Händen hinter seinem Anwalt. Auch mit dem Reporter spricht er nicht, ein Foto von sich möchte er nicht, auch nicht, wenn er sein Gesicht hinter Akten verstecken könnte. Keine „gestellten Fotos“. Das Geschehen vor Gericht verfolgt er aufmerksam, den Blick immer auf den Richter gerichtet, die Augenbrauen nach oben gezogen. Manchmal neigt er den Kopf leicht zur Seite, meist lehnt er sich an die Wand.

„Es hätte so leicht verhindert werden können"

Die Strafe für ihn fiel sogar noch härter aus, als es Staatsanwältin Susanne Vonbrunn gefordert hatte. „Es hätte so leicht verhindert werden können.“ Der Vorsitzende Richter hielt die Aussagen der Zeugin für absolut logisch und glaubhaft. Und ein fehlendes Geständnis konnte er dem Bauern nicht anrechnen.

„Die Dunkelziffer liegt bei ein paar 100 Prozent“, sagt Joachim Oelschläger,, der selbst in der Region Jäger ist. Viele Jäger aber würden Bauern nicht anzeigen in solchen Fällen, weil sie gut miteinander auskommen müssten. In dem Fall des Bauern F. hat die Anzeige die junge Frau erstattet. Mit dem harten Urteil zeigte sich auch Hartmut Wunderatsch zufrieden, Oberfrankens oberster Jäger. Es sei „angemessen“, sagte der Regierungsbezirksvorsitzende von Oberfranken im Präsidium des Bayerischen Jagdverbandes. Allerdings sei dieser Fall nicht zu verallgemeinern. Den Bauern dürfe man keine „pauschale Nachlässigkeit unterstellen“.

Verstänkern ist der übliche Weg

Jäger Oelschläger erklärt, wie es „normalerweise“ geht. Einen Tag vor dem Mähen rufen die Bauern den Jäger, der zieht mit seinen Hunden durch die Wiese und „verstänkert“ diese. Durch den Menschen- und Hundegeruch würden die Rehe vertrieben, die Geis verschwindet mit ihren Kitzen – der Bauer kann mähen.

Angeblich hat das Bauer F. am Morgen auch gemacht. Er will, das sagte sein Anwalt Bernd Ostheimer, zusammen mit dem Jagdpächter durch die Wiese gegangen sein. Doch selbst wenn das so gewesen sein soll, hätte er – so Richter Launert – die schreienden Geisen beachten und Konsequenzen ziehen sollen.

Zwei Tage später hat Bauer F. wieder eine Wiese gemäht. Und diesmal hat er vorher einen Jäger verständigt. Richter Launer: „Dass sie lernfähig sind, haben sie gezeigt.“ Sein Anwalt erwägt, in Berufung zu gehen.

Nicht bewertet

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Kommentare

Die Strafe waren 60 Tagessätze a 50,- € plus Gerichtskosten.
Dass die anderen Bauern schon das zweite mal mähten, liegt an der Verwendung des Grases: Das jung gemähte Gras wird zu Silofutter verarbeitet, weil es bei dem jungen Schnitt mehr Eiweiß hat. Das längere (ältere) Gras wird zu Heu verarbeiten. Da ist die Gefahr, dass Kitze dort von den Geißen abgelegt werden besonders hoch.