von Eric Waha
Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Bayreuther um die Saas einen Bogen gemacht haben. Nicht, weil man die Saas nicht leiden konnte. Im Gegenteil. Es lag eher daran, dass die Saaser
„a eichner Schloch“ waren, wie man in Bayreuth so sagt. Saaser konnte man nicht werden. Als Saaser konnte man eigentlich nur geboren werden.
Dabei hat der Stadtteil eigentlich eine erstaunlich kurze Geschichte. Genau 75 Jahre ist es her, dass – ermöglicht durch das sogenannte Reichsheimstättengesetz – die ersten
Siedlungshäuschen gebaut wurden, die sich dann in Hufeisenform am Südlichen, am Nördlichen Ringweg und in der Blumensiedlung – Flieder-, Dahlien-, Tulpen- und Asternweg
– ausbreiteten.
Diese Siedlungshäuschen wuchsen mit der Zahl der Generationen, die sie übernahmen und ausbauten. Ebenso wuchs die Saas im Lauf der Jahrzehnte – und mit dem Wachstum kam die
Öffnung, wie der Distriktsvorsteher, Gerfried Schieberle, im Gespräch mit dem KURIER sagt: „Die Saas hatte eine ziemlich abgekapselte Lage, war Arbeitersiedlung. Das hat sich
total geändert, die Saas hat sich geöffnet. Die Saaser gehen auf die Neuankömmlinge zu und halten Kontakt.“
Die Saas ist einer der jüngeren Bayreuther Stadtteile: Im Sommer feierte die Saas ihr 75-jähriges Bestehen. Fotos: Lammel
Mit einem Schmunzeln – und auch einem gewissen Stolz in der Stimme – sagt der Saaser Schieberle: „Die Saaser Räuber waren verschrieen. Und es wollte auch keiner raus aus
der Siedlung. Das war unser großes Plus.“ Deshalb profitiere man heute auch noch von dem großen Zusammenhalt, der sich etwa in der beispielhaften Organisation in den
verschiedensten Vereinen manifestiere. „Sehr viele Kreise sind über die Kirche organisiert. Wir haben zum Beispiel den Männerkreis, der sich jeden zweiten Dienstag im Monat trifft
und unterschiedlichste Themen diskutiert, sich Referenten holt. Und auch mal die Fühler zu anderen kirchlichen Gruppierungen ausstreckt, von denen wir ja 17 in Bayreuth haben. Wir haben da
keine Berührungsängste und wollen Infos aus erster Hand haben“, sagt Schieberle und betont, dass „das fei nix Heiliges ist. Jeder kann kommen, wir sind da offen. Wir sitzen
da zusammen, trinken erst mal ein Bier. Nur zum Schluss, da wird das Vaterunser gebetet“.
Die Saaser haben auch das Saaser Forum aus der Taufe gehoben und besprechen seit fünf Jahren die Probleme und Themen, die ihnen auf den Nägeln brennen, mit denen, die
möglicherweise Abhilfe schaffen können. Voraussetzung dafür: Dass sich die Institutionen des Stadtteils grün sind – und das sind sie nach Schieberles Worten. „Das
ist genauso wie bei unserem letzten Highlight, der 75-Jahr-Feier. Da haben auch alle an einem Strang gezogen, um das Fest vorzubereiten und den Festumzug zu gestalten. Ein bewegender Moment war
das, wie der Festzug am Haus von Hans Greim angehalten hat. Er hat das erste Haus in der Saas gebaut und der Oberbürgermeister hat ihm die Hand geschüttelt. Der Greims Hans hatte
Tränen in den Augen“, sagt Schieberle.
Der Distriktsvorsteher Gerfried Schieberle bescheinigt seinen Saasern große Offenheit den Neubürgern gegenüber. Die Zeit „der Saaser Räuber“, wie er
sagt, sei längst vorbei. Man brauche keine Angst mehr zu haben.
von Eric Waha
BAYREUTH. Nimmt man den ganzen Sprengel, dann steht sie mitten drin. Nimmt man nur die alte Saaser Siedlung, steht die Auferstehungskirche eher am Rand. Aber trotzdem mittendrin, weil sie zum
Beispiel nur einen Steinwurf entfernt vom Wirtshaus steht. Das ist eine Sache, die wiederum eng mit dem Saaser Pfarrer Michael Thein verknüpft ist. Thein, seit zwölf Jahren Pfarrer in
der Saas, sagt von sich selbst, er suche gern die Nähe der Menschen. „Ich bin auf dem Dorf und im Verein aufgewachsen“, sagt Thein, der aus dem Landkreis Hassberge stammt.
Neugierig sei er – „neugierig auf Menschen und auch auf technische Dinge. Das schließt sich zwar vielleicht auf den ersten Blick aus“. Aber nicht auf den zweiten Blick,
wenn man tiefer in Theins Vita einsteigt: Ursprünglich wollte er nämlich Mathematik und Physik studieren, „doch das Interesse an Menschen hat überwogen. Wobei ja auch an der
Grenze der Physik die Philosophie losgeht. Da gibt man sich nicht mit Vordergründigem zufrieden“, sagt Thein, der sich weder mit Vordergründigem noch mit Oberflächlichem
zufrieden gibt.
„Trotzdem fehlt uns in der Saas und auch in der Birken noch Platz für Jugendliche, die sich weder von der Kirche noch von Vereinen binden lassen. Sie brauchen einen Platz, wo sie sich
treffen können – ohne Aufsicht. Wo sie aber auch nicht fortgeschickt werden“, sagt Thein.
Pfarrer Thein hat sich intensiv mit der Geschichte der Saas auseinander gesetzt: „Die Saaser Geschichte ist ja überschaubar, das hat mich gereizt. Wenn man eine Gemeinde mit einer
500-jährigen Geschichte übernimmt, wird das schon schwieriger, da braucht man sich nicht drübermachen. Aber man versteht die Menschen besser, wenn man ihre Geschichte kennt“,
sagt Thein, der im Gemeindeorgan, der „Saaser Glocke“, auch die Saaser Geschichte einbaut. „Das wird von vielen gelesen“, sagt er.
Die Nähe zwischen Kirche und Gastwirtschaft in der Saas schließt auch für Thein einen Kreis: Wenn es sich einrichten lässt, schaut er auf einen Frühschoppen nach dem
Sonntagsgottesdienst in der Siedlergaststätte Pötzinger vorbei, einmal im Monat wird gekartelt. „Ich habe das Interesse für den langen Schafkopf wiederentdeckt, den die
Bayreuther ja nicht so gerne spielen, weil man da so schnell durcheinander kommt“, sagt Thein mit einem Schmunzeln. In der Wirtschaft komme man mit den Menschen auch ganz anders ins
Gespräch, „wobei ich das nicht bewusst drauf anlege“, sagt Thein.
Der Saaser Pfarrer Michael Thein sagt von sich selbst, er sei ein neugieriger Mensch. Neugierig auf Menschen und auf Technik. Foto: Lammel
von Eric Waha
BAYREUTH. Durch die bunten Scheiben fällt das Sonnenlicht auf die braune Holzvertäfelung und die grünen Sitzbezüge. Die beiden Saaser am Tisch neben dem kleinen Erker der
Siedlergaststätte Pötzinger haben ihr Bier vor sich stehen, im bevorzugten Glas, in der speziellen Temperierung. Die Kartschüsselchen auf dem Tisch, die Karten in Griffweite. Man
muss nicht unbedingt reden, um sich bestens zu verstehen. „Mensch Paul, kumm halt“, sagt der eine. „Der kummt doch erscht um halb vier. Der is pünktlich“, sagt der
andere. Eine Minute vor halb vier rollt ein Auto durch den Nördlichen Ringweg. „Der Paul. Pünktlich.“
„Vor 15 Uhr machen wir nie auf. Das war schon immer so. Und seit die Alten langsam wegsterben, machen wir auch Samstagfrüh nicht mehr auf“, sagt Harry Pötzinger. Leonhard
heißt er eigentlich, doch so nennt ihn kein Mensch. Harry Pötzinger ist Gastwirt mit Leib und Seele. „Weil die Wirtschaft mein Hobby ist. Das ist reiner Nebenerwerb, anders kannst
es ja gar nicht machen. Ich sag immer: Andere gehen ins Wirtshaus, wir haben halt eins.“ Genau 50 Jahre lang war er Brauer bei der Brauerei Maisel, fast 40 Jahre davon war er Braumeister.
Das klingt nach einem konstanten Leben. Ein Leben, das Harry Pötzinger und seine Frau Franziska, die er „Fränz“ nennt, auch nach den Kartlern stellen können wie nach
der Uhr: So gegen halb vier kommen die, die Tarock spielen, „abends dann die Mucker und Schafkopfer“, sagt Harry Pötzinger im Gespräch mit dem KURIER.
Pötzinger ist selbst leidenschaftlicher Kartler, er greift jeden Montagabend ins Geschehen ein, „dann werd scho scharf kart’“, sagt er. Wenn er mitspielt, versorgt seine
Frau in der Wirtschaft, die 1936 von seinen Eltern Katharina, genannt Käthe, und Fritz – „ihn haben sie immer nur Les Harper genannt“ – gebaut wurde, für
Nachschub an Getränken für die Stammgäste. „Meine Mutter ist 1976 gestorben, da habe ich die Wirtschaft schon gemacht. Mein Vater ist dann 1980 gestorben, seitdem machen wir
es zu zweit.“ Wenn Not am Mann und die Kneipe voll ist, packen Sohn Udo und Schwiegertochter Jutta, die mit ihren Kindern in der Siedlergaststätte wohnen, mit an. „Bei der
Schlachtschüssel, die wir immer Mitte November machen, oder anderen Festlichkeiten helfen mein Bruder oder meine Schwägerin mit.“
Auch wenn die Siedler-Gaststätte mit den gleichen Problemen zu kämpfen hat wie viele andere Gastronomiebetriebe – „uns fehlt im Prinzip die Altersgruppe zwischen 25 und 45.
Die hat andere Interessen oder trifft sich lieber privat. Gerade in der Siedlung hat ja jedes Haus einen Garten, da kann man sich zusammensetzen“, sagt Pötzinger – sie hat eine
Reihe von Stammgästen. Und auch einige feste Tage im Jahr: „Weihnachtsfeiern, der Seniorentag der Siedler am ersten Advent, der VdK kommt her“, sagt Pötzinger. Und
natürlich die täglichen Kartler, sechs Tage die Woche. Hier finden sie ihre Ruhe, haben ihren Stammtisch, sind unter sich.
„Auch aus dem Ginsterweg haben ein paar ihren Stammtisch hier“, sagt Harry Pötzinger. Und wenn es einmal doch ein paar mehr Leute werden, dann steht das Nebenzimmer zur
Verfügung – wo am Anfang der Geschichte der Siedlergaststätte sogar einmal ein Kolonialwarenladen war. „Den haben meine Eltern aber nur zwei Jahre lang gemacht, bis 1938,
als ich geboren wurde. Dann haben sie auch die Kohlenhandlung abgegeben, die hinter dem Haus war.“ Wenn man genau hinschaut, erkennt man an der Fassade sogar noch die Stelle, an der das
Fenster des Ladens war. Wie viele andere Häuser in der Saas auch, wurde die Gaststätte im Laufe der Zeit umgebaut. „Wir haben 1965 aufgestockt, eineinhalb Stockwerke kamen
drauf.“ Die Gaststätte aber hat sich über die Jahre nicht geändert. Sie wird wohl auch so bleiben, wobei Harry Pötzinger, der im Oktober 70 wird, die Zukunft offen
hält: „Wir machen schon noch ein paar Jahre, was der Udo dann macht, das kann er selbst entscheiden, da red ich ihm nicht rein.“ Die Sonne wird also noch ein bisschen durch die
bunten Scheiben in die Wirtschaft lachen – und für die Kartler in der Saas scheinen.
von Eric Waha
BAYREUTH. Grabenkämpfe kennt hier keiner. Vielleicht war das mal vor langer Zeit, aber in der Saas ziehen die Vereine und die Institutionen an einem Strang. Das habe sich vor allem mit dem
ersten Saaser Forum im Jahr 2003 manifestiert, „mit dem wir unsere Interessen gegenüber der Stadt vertreten“, sagt der Vorsitzende des Siedlervereins Saas, Georg Ramming, im
Gespräch mit dem KURIER. Die Saaser hätten eine hohe Affinität zu ihren Vereinen, sagt Ramming – und das liegt wohl auch in der Biografie der Saaser begründet: Fast
automatisch landete im Siedlerverein, wer ein Häuschen in der Saas bekam. Das ist seit 1936 so. „Es war schon fast verpflichtend, dem Verein beizutreten, um seine Interessen zu wahren.
In der Gruppe ist man eben stärker“, sagt Ramming, der seit 1997 im Vorstand der Siedler, seit 1999 Vorsitzender und seit 2005 auch Mitglied im Landesvorstand des Siedler- und
Eigenheimerbundes ist.
Die Saas hat ihre charakteristische Hufeisenform von den ersten Siedlungshäusern über die vergangenen 75 Jahre bewahren können. Die Neubaugebiete im Westen und im
Süden runden den alten Ortskern ebenso ab wie Pottaschhütte und Glocke (links vorne) mit dazu gerechnet werden können. Rechts sind die Tennisplätze des TC Am Lerchenbühl
und die beiden Spielfelder des BSC Saas zu erkennen. Nicht weit entfernt von den Tennisplätzen wollen die Saaser Fußballer jetzt ein weiteres Rasenspielfeld anlegen.
Foto: Lammel
„Jeder“, sagt Ramming, „kann Mitglied des Vereins werden. Dazu muss er kein eigenes Haus haben. Auch aus den Neubaugebieten haben wir viele neue Mitglieder bekommen. Unsere
Mitgliederzahl bewegt sich immer bei rund 380.“ 380 Leute, die bei den vielen Festen des Siedlervereins dabei sind – das Spektrum reicht vom Kinderfasching bis zur Senioren-Weihnacht,
vom Baumschnittkurs und der Pflanzenbörse bis zur Maifeier und von der Rock’n-Stub’n bis zur Waldweihnacht. 380 Leute, von denen sich viele über den Strom-Rahmenvertrag
ihren Mitgliedsbeitrag wieder hereinsparen und von denen viele davon profitieren, dass die Siedler in ihrem neuen Gerätehaus vom Vertikutierer bis zum Baugerüst und zum Partyzelt alles
vorrätig haben, was man so als Saaser Siedler gebrauchen kann.
Die Siedler waren auch die ersten, die auf den Trichter gekommen sind, dass man mit Feiern das Budget aufbessern kann: 1937 wurde das erste Siedlerfest gefeiert, wenig später sprang der VdK
auf den Zug auf und seit 1972 gibt es zwei Waldfeste im Wald am Sportplatz: eines der Siedler, die immer am letzten Juni-Wochenende vorlegen, und eines der Sportler vom BSC Saas, die im Juli
– vier Wochen später – den Wald beben lassen. Das Waldfest, die Klammer der beiden Vereine: „Einige unserer Helfer helfen auch beim Sportler-Waldfest mit“, sagt Georg
Ramming. Und Harald Pröhl, Vorsitzender des fast doppelt so großen BSC Saas mit seinen rund 620 Mitgliedern, sagt: „Wir haben schon echt ein gutes Verhältnis mit den
Siedlern. Die Buden, die im Wald stehen, sind ja unser gemeinsames Eigentum.“ Ein bisschen Konkurrenz jedoch muss sein, zumindest kulinarisch: „Unser Waldfest ist nämlich
berühmt für die Makrelen und Heringe. Die machen unsere Damen aus der Gymnastikabteilung, die riechen dann noch 14 Tage nach dem Fisch.“ Und die Sportler können sich
rühmen, den bayerischen Ministerpräsidenten Günther Beckstein zu Gast gehabt zu haben. „Fisch hat er aber keinen gegessen, da gab es keinen mehr.“
Der Sportverein, zehn Jahre nach dem Siedlerverein gegründet, ist nach Pröhls Worten auf das Waldfest auch finanziell angewiesen: „Man hat ja nur wenige Sponsoren und selbst in
unteren Klassen enorme Fahrten zu bewältigen.“ Deswegen baut man auch auf andere Feste, um die Kasse klingeln zu lassen.
Während die Siedler in den vergangenen Jahren investiert haben, zum Beispiel ins Gerätehaus, steht bei den Sportlern die nächste große Investition kurz bevor: „Wir haben
unsere Waldsportanlage, die in einem sehr guten Zustand ist, und unseren Hartplatz. Aber auf dem Hartplatz kann man nicht immer trainieren, schon gar nicht im Sommer, wenn es trocken ist. Bei
schlechtem Wetter ist er Gold wert, da bekommen wir sogar Anfragen von anderen Vereinen, die bei uns spielen wollen. Aber wir bauen jetzt einen Rasenplatz unterhalb der Firma Kolb auf einem
Grundstück in der Nähe des Umspannwerks. Das ist zwar auch eine große finanzielle Belastung“, sagt Pröhl. Aber im Verein wie in der Saas selbst gebe es viele
fleißige Helfer „und der BSC ist sowieso wie eine Familie. Das ist ja auch der Grund, warum ich gesagt habe, ich mache den Vorsitzenden. Der Zusammenhalt ist groß in der
Saas“, so Pröhl, der mit einem Jahr Pause schon rund 15 Jahre im Vorstand aktiv ist – obwohl er selber gar kein Saaser und auch kein aktiver Fußballer, sondern Schiri ist.

Harald Pröhl ist Vorsitzender des BSC Saas.
Georg Ramming ist Vorsitzender der Saaser Siedler. Fotos: Lammel
von Eric Waha
BAYREUTH. „Es ist so wohltuend, dass man sofort in der freien Natur ist und abschalten kann. Im Prinzip kann man hier zur Haustür raus gehen und in die Fränkische Schweiz
laufen“, sagt der Architekt Peter Heilmann, der mehr durch Zufall mit seiner Familie in die Saas gezogen ist. „Wir haben uns hier aber sofort heimisch gefühlt“, sagt er.
Heilmann und seine Frau Heike haben für ihr Haus im Ginsterweg dem Werkstoff Holz gewählt – und waren dabei „ganz nah bei den Saaser Selbermachern: Meine Frau und ich haben
zumindest von der Fassade jedes Brett selber in der Hand gehabt. Holzhäuser eröffnen die Möglichkeit, viel selbst zu machen und die einheimischen Ressourcen zu nutzen“, sagt
Heilmann im Gespräch mit dem KURIER. „Unser Ziel war es auch, die typischen Vorurteile zu widerlegen, die man immer wieder hört: Starenkogel, Öko-Hütte.“
Der Urbayreuther Heilmann, der in der Innenstadt aufgewachsen ist und dort bis zum Umzug in die Saas auch gewohnt und gearbeitet hat, schätzt beim Blick auf die Entwicklung des Bayreuther
Stadtteils Saas „das ursprüngliche Siedlungskonzept, das mit seinen langen, schmalen Grundstücken eigentlich genial und tragfähig war. Aber: die Saas hat städtebaulich
ihre Unschuld verloren. Denn die Einfachheit und Klarheit der Siedlungshäuser ist zum großen Teil verschwunden – durch die Notwendigkeit der Expansion, weil hier kinderreiche
Familien Platz gebraucht haben“. Nach Heilmanns Ansicht hat die Stadt in dieser Zeit versäumt, „restriktiver durchzugreifen – wie es zum Beispiel später dann im
Ginsterweg der Fall war: Baufenster, Kniestock, Dachneigung, Garagengröße. Das war festgelegt. Aber das war gar nicht einmal schlecht, weil im Ergebnis zeigt sich, dass auch in engen
Grenzen Individualität und eigene Formensprache möglich ist“, sagt Heilmann.
Was jedoch verwunderlich sei: „Dennoch sind plötzlich erste Toskana-Häuser in der Saas entstanden. Ich habe zwar nichts gegen Toskana-Häuser an sich, aber es wäre
schade, wenn der individuelle Charakter, das Ortsbild prägende, was die Saas von Allerweltssiedlungen unterscheidet, verschwinden würde.“
Prägend sei die Hufeisenform der ursprünglichen Siedlung, auch die Kirche – „auch wenn es ein Reissinger-Entwurf ist“, so Heilmann – gehöre für ihn als
prägend und stärkend dazu, „weil man sie schon von so großer Entfernung sieht und weiß: Wenn man die Kirche sieht, ist man gleich daheim“.
Es sei zu beobachten, dass der Trend zum schlüsselfertigen Haus nach wie vor anhalte – und damit der Trend zur Uniformität. „Möglicherweise haben es auch die
Architekten selbst in früherer Zeit vernachlässigt, sich um Häuslebauer zu kümmern und das Feld den Bauträgern überlassen, die logischerweise mit dem Bau eines
Hauses ein wirtschaftliches Interesse verfolgen.“ Doch es gebe auch Beispiele gelungener Architektur in der Saas, nicht nur im Hausbau: „Der Kindergarten, den Bruno Hauck entworfen
hat, ist so ein Beispiel gelungener moderner Architektur“, sagt Heilmann.

Der Architekt Peter Heilmann vor seinem Haus im Ginsterweg in der Saas. Das in Holzständerbauweise gebaute Haus haben seine Frau Heike und er entworfen. Foto: Lammel
von Eric Waha
„Daran musst du mal riechen. Wunderbar!“ – Ibrahim Eskili hat einen Zweig Pfefferminze von der Pflanze im Beet abgezwickt, das von riesigen Sonnenblumen dominiert wird und in
dem Tomaten, Peperoni, Gurken, Zucchini und eben Pfefferminze friedlich nebeneinander wachsen. „Auberginen hatten wir auch noch, aber die sind schon gegessen“, sagt Ibrahim Eskili,
der gestern – wie fast jeden Tag – ganz früh in den Gärten der Begegnung mit anpackt: Ausgeschnittene Äste müssen zerkleinert werden, dann geht es an die Pflege
der eigenen Beete. „Wann immer meine Familie und ich Zeit haben, kommen wir hierher und arbeiten im Garten“, sagt Eskili.
Neben Familie Eskili sind es aktuell noch zehn weitere Gärtner aus vielen Nationen, die in der Glockenstraße direkt hinter dem Parkplatz der Firma Schlenck Gemüse anbauen oder
Kräuter züchten. Christel Stein, die seit 1994 den Runden Tisch Ausländerarbeit leitet und das Projekt mit angestoßen hat, hat – wie viele andere auch – mit dem
Gärtnern vorher nicht so arg viel am Hut gehabt. Heute freut sie sich nicht nur darüber, dass das Projekt Fahrt aufgenommen hat, sondern auch über den riesigen Kürbis, der in
ihrem Beet wächst. „Eine Pflanze und so eine riesige Frucht – das ist echt klasse“, sagt sie im Gespräch mit dem KURIER.
„Die Gärten der Begegnung sind ein europaweites Projekt, das in England ebenso wie in Österreich Fuß gefasst hat – ähnlich wie die Tafeln. In Deutschland gibt es
70 solcher Gärten, in Bayern zehn. In Nürnberg und Weiden sind gerade weitere Gärten im Aufbau. Wir waren zusammen mit Fürth bislang die einzigen in Nordbayern“, sagt
Christel Stein. Im Januar 2003 sei sie bei der Vorbereitung zur Interkulturellen Woche auf das Projekt aufmerksam geworden, dennoch habe es bis September 2006 gedauert, bis der Garten offiziell
eingeweiht werden konnte: „Erst ist uns ein bisschen die Luft ausgegangen, weil wir zusammen mit der Altstadt-Gemeinde die Tafel aufgebaut haben, dann war es schwierig ein Grundstück
zu bekommen.“ Man hatte die Uni im Visier, „die sehr großes Interesse an der Sache gehabt hätte“, dann war ein Grundstück in einer Kleingartenanlage im
Gespräch, was dann auch gescheitert ist. Schließlich hieß es, das Grundstück in der Saas wäre eine gute Möglichkeit, „wenn es auch Probleme mit dem
Flächennutzungsplan gibt. Denn das Grundstück liegt zu großen Teilen auf der Trasse der im Flächennutzungsplan eingezeichneten Südtangente. Deshalb haben wir vorerst nur
einen Pachtvertrag über zehn Jahre abschließen können“.
Dank des Engagements der Nachbarn haben die Gärtner auch die vergangenen knapp zwei Jahre ohne eigenen Wasseranschluss überbrücken können: „Die Familie Wolf, die in das
Nachbarhaus eingezogen ist, das längere Zeit vorher leer gestanden war, hat uns da immer geholfen“, sagt Christel Stein. Jetzt allerdings haben die Gärten der Begegnung
„einen eigenen Wasseranschluss. Ein kleiner Wermutstropfen ist aber dennoch vorhanden, weil wir eigentlich eine feste Toilettenanlage bauen wollten. Wegen der schwierigen
Bodenverhältnisse ist die Bodenplatte und der Wasseranschluss aber so teuer geworden, dass wir das erst mal auf Eis legen müssen“, sagt Christel Stein.
Das jedoch ist ein Manko, mit dem die Gärtner leben können. „Die Idee der Gärten ist, dass die Menschen in der Fremde Wurzeln schlagen können. Und das funktioniert
wunderbar.“ Deshalb sei das Gelände auch offen – offen zugänglich für jeden, „deswegen ist es auch schwierig, dem Ganzen ein Gesicht zu geben wie in einer
Kleingartenanlage. Mancher mag sich denken: Das schaut aber aus“, sagt Christel Stein. „Aber es ist bewusst so gemacht, dass keine Zäune da sind“, hakt Jörg Schmidt
vom Evangelischen Bildungswerk ein, das ein Kooperationspartner des Gartens der Begegnung in Bayreuth ist. „Die Amtssprache in unserem Garten ist die deutsche Sprache“, fügt
Schmidt mit einem Schmunzeln an – damit ist auch der Grundstock für den zweiten, wichtigen Aspekt gelegt: Man kann nicht nur Wurzeln in der Fremde schlagen, sondern lernt auch noch
locker Deutsch im Garten. Beim Arbeiten, oder beim Grillen, denn alle zwei, drei Wochen wird gegrillt.
Ibrahim Eskili bringt es auf den Punkt: „Die Zusammenarbeit hier ist super. Wir waren auf den ersten Blick gleich Freunde. Egal, ob wir Asylanten sind, aus Bhutan oder der Türkei
kommen – wir verstehen uns, wir sind schließlich alle Menschen.“
Christel Stein, Initiatorin des Projekts, Hobbygärtner Ibrahim Eskili und Jörg Schmidt vom Evangelischen Bildungswerk begutachten Eskilis Sonnenblumen im Garten der
Begegnung in der Saas. Foto: von Pölnitz-Eisfeld
von Eric Waha
BAYREUTH. Die Saas hat anderen Stadtteilen einiges voraus, was die Infrastruktur angeht. Und sie hat deutlichen Zuwachs – nicht nur wegen der guten Infrastruktur. Das zeigt der Blick ins
Statistische Jahrbuch der Stadt.
Vergleicht man den Zeitraum der letzten Volkszählung vom 25. Mai 1987 bis zu den letzten aktuellen Zahlen – der Fortschreibung der Volkszählung im Jahr 2006 –, dann hat die
Saas in diesem Zeitraum exakt 330 Bürger mehr als 1987. Heute dürften es noch ein bisschen mehr sein, weil damals das Baugebiet an den Hofäckern noch nicht fertig war. Im Jahr 2006
lebten 3163 Menschen im Stadtteil Saas, der Lerchenbühl und Glocke mit einschließt.
Der verkehrsmäßig gut erschlossene und mit dem Bus schnell zu erreichende Stadtteil – mit dem Fahrrad sind es keine zehn Minuten bis zum Markt – punktet durch seinen neuen
Kindergarten und die Lerchenbühlschule bei den Familien, hat neben dem BSC Saas mit seinen vielen Abteilungen noch den Tennisverein TC Am Lerchenbühl und mitten im Stadtteil die
Auferstehungskirche zu bieten.
Wem es nach einem Bierchen am Abend ist, der kann es sich in der Siedlergaststätte Pötzinger gemütlich machen, aber auch ins Sportheim oder zu den Geflügelzüchtern an die
Bärenleite gehen.
Und ganz verschweigen sollte man einen besonderen Ort in der Saas nicht: Den Südfriedhof, in dessen unmittelbarer Nähe jetzt ein Baugebiet entsteht.
Richard Krasser (Foto), ist Saaser von Geburt und aus Leidenschaft. Geboren am Saaser Berg, aufgewachsen im Dahlienweg, wohnt er heute mit seiner Frau im Erikaweg.
„Wenn man es so nimmt, hab ich es nicht weit gebracht“, sagt er und lacht. Er sei „ein absoluter Naturmensch, was mir meine Großmutter beigebracht hat“. In der
Kindheit und Jugend waren der „Buchstein und die Forkendorfer Felsen unser Revier. Und wenn wir als Jugendliche mit dem Motorrad durch die Saas gefahren sind, hat sich auch keiner
aufgeregt. In der Saas hat immer alles gepasst, man hat prima Nachbarn. Hier ist es einfach schön“, sagt er. wah